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Kevinismus seit wann?

Elaine
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Kevinismus seit wann?

Beitrag von Elaine » 7. September 2017, 11:13

So genannte Kevinismus-Namen werden ja auch gerne mal als Hochhausnamen oder als "schubladig" bezeichnet, und die Meinungen, welche Namen außer Kevin und Chantal in diese Schublade gehören, gehen teilweise weit auseinander.
Ich habe mich gerade gefragt, ob es diese Schubladen auch schon vor 30, 40, 50 Jahren gab (auch wenn sie sich nich Kevinismus nannten)? Hat man gegen die Familie einer Yvonne Vorurteile gehabt, während Sandra als Bildungsbürgerkind galt? Ein Thomas war tendenziell klug, ein Oliver problematisch? Oder gab es das noch nicht mal ansatzweise?
Ich könnte dazu mal meine Eltern befragen, das schreibe ich dann auch hier rein... aber was meint/wisst ihr darüber?

aoife rua
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Kevinismus seit wann?

Beitrag von aoife rua » 7. September 2017, 18:00

Also, ich denke, das kam in den letzten 20 Jahren so richtig auf, davor, in meiner Kindheit, waren die ganzen -y-Namen (Sandy, Ronny, Peggy...) schon als "Ossi-Namen" verschrien und galten als das, was heute Kevin ist...

Sonst kann ich mich nicht erinnern, dass es solche Schubladen-Vorurteile schon gab. In meiner Generation waren frz. Mädchennamen neben Sandra ziemlich in, also Nadine, Nicole, Janine... Aber die kamen in allen Schichten vor. Genauso Tanja, Sonja, Katja, Tatjana, die gab es auch häufiger, ohne dass man da irgendwelche Rückschlüsse auf die Eltern gezogen hätte...

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Wandarine
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Kevinismus seit wann?

Beitrag von Wandarine » 7. September 2017, 18:04

Dass unterschiedliche Schichten unterschiedliche Namen tragen, ist soweit ich weiß mindestens seit dem antiken Rom überliefert. Wie stark der Effekt zu bestimmten Zeiten ausgebildet war, beziehungsweise wie sehr mit Wertung verbunden (Es besteht ja doch ein Unterschied zwischen "Aha, ein Arbeiterkind" und "Den kannste nicht einstellen, der ist doof"), kann ich nicht sagen.

Die Verbindung zum Namen Kevin und damit auch der Begriff Kevinismus sind relativ neu, würde ich spontan mal in den frühen Nullerjahren verorten. Ich habe die zugrundeliegende Studie, die dazu gern zitiert wird (und so schlecht gemacht war, dass mir das sogar vor der entsprechenden Ausbildung schon aufgefallen ist), zwar mal zurückverfolgt, so weit es eben ging, mir damals aber leider keine Notizen gemacht. Werde mich gleich nochmal auf die Suche machen und dann zurückmelden.

Edit:
Hab nochmal gestöbert. vorname.com schreibt Folgendes:
Untersuchen dazu gab es bereits in den 60ern des vergangenen Jahrhunderts, sie wurden regelmäßig wiederholt und bestätigten, dass Eltern aus unterschiedlichen Bildungsschichten auch unterschiedliche Vornamen auswählen. So sind bei Arbeiterfamilien Schauspieler, Film- oder Romanfiguren gern genommen Vorbilder bei der Namensgebung, außerdem wird gerne im Ausland „gewildert“, wenn es um die Vornamensuche geht. Die höheren Schichten wählen dagegen bewusst Namen mit deutscher Tradition oder lassen alte Namen wieder aufleben (z. B. Emma, Paul).
Google Trends kennt den Begriff Kevinismus seit 2006.

Die Originalstudie ausfindig zu machen, haben scheinbar schon viele versucht, keine Chance. Auf der Seite der Uni hieß es eine Zeit lang mal, man habe das Material gelöscht, weil es demnächst als Buch erscheinen soll, von einem solchen Buch habe ich aber nie gehört (und das hätte ich doch, oder?)

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Marisol
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Beitrag von Marisol » 7. September 2017, 18:46

Kevinismus wurde meines Erachtens aber auch zum Großteil durch die Medien verursacht. Während die gebildeteren Leser entsprechender Medien sich dann von diesen Namen abwendeten aus Angst vor sozialem Stigma hat man in eher bildungsfernen Kreisen davon erstmal nichts mitbekommen.
Die ersten Kevins, Denis, Olivers kamen (zumindest meines subjektiven Empfindens nach) auch vorwiegend aus der Mittelschicht.

Meiner Oma gefielen französische Namen sehr gut, darunter auch solche, die heute als kevinistisch gelten (Maurice, Marcel, Jacqueline). Sie traute sich aber in den frühen 60ern nicht, diese an ihre Kinder zu vergeben, aus Angst, dass das in ihrem Dorf als aufgesetzt und Möchtegern-Oberschicht wahrgenommen wird. Zu Zeiten ohne Privatfernsehen und in Kreisen, wo man nur selten den Landkreis verlies, wirkten ausländische Namen also eher gebildet.

Die -y "DDR" Namen wie Mandy, Ronny und Co haben (auch wieder eine rein subjektive Einschätzung) in Ostdeutschland auch keine ungebildete Konnotation - sie sind eben einfach nicht mehr besonders modern. Aber in der DDR war das Schichtdenken ja sowieso weniger ausgeprägt und Plattenbauviertel galten als normal und modern (was sich auch darin ausdrückt, dass die meisten dazu Neubauviertel sagen). Die Wahrnehmung dieser Namen als "Assi-Namen" hängt denke ich eher mit dem generellen Ost-West-Wohlstandsgefälle und den etwas verhärteten Bildern des "Ostens" in den Köpfen vieler Westdeutschen zusammen.

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Beitrag von Wandarine » 7. September 2017, 19:15

Marisol hat geschrieben:Die ersten Kevins, Denis, Olivers kamen (zumindest meines subjektiven Empfindens nach) auch vorwiegend aus der Mittelschicht.
Oliver habe ich in dem Kontext ja noch nie gehört smiley_26

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Beitrag von Skadi » 7. September 2017, 22:22

Wandarine hat geschrieben:
Marisol hat geschrieben:Die ersten Kevins, Denis, Olivers kamen (zumindest meines subjektiven Empfindens nach) auch vorwiegend aus der Mittelschicht.
Oliver habe ich in dem Kontext ja noch nie gehört smiley_26
Mein Freund heißt Dennis und war ganz beleidigt, als ich meinte, er und seine Schwester Nadine seien von Kevin und Chantal nicht weit entfernt. smiley_27

Die etwa fünfzigjährige neue Partnerin meines Quasi-Schwiegervaters erzählte, ihr Name werde Silvia geschrieben, weil ihre Mutter meinte, die Schreibweise mit y stünde nur einer höheren Schicht zu.
Lenz | Thilo | Fred​ | Rufus
Runa | Lore | Ava | Enna

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Beitrag von Elaine » 7. September 2017, 22:31

Wandarine hat geschrieben:
Marisol hat geschrieben:Die ersten Kevins, Denis, Olivers kamen (zumindest meines subjektiven Empfindens nach) auch vorwiegend aus der Mittelschicht.
Oliver habe ich in dem Kontext ja noch nie gehört smiley_26
Ich auch nicht! Ich hatte eingangs wahllos Namen von vor 40 Jahren gewählt (eben auch Oliver...), ohne sie selber bewerten zu wollen, weil ich ja gerade nicht weiß, ob es dafür Schubladen gab.

Und auch die "Ossi-Namen" sind bei mir eben in dieser "Ossi-Schublade" und nicht in der des Kevinismus. Soll heißen, sie sagen etwas über die geografische Herkunft aus, aber nicht über die soziale Schicht.

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Beitrag von Elaine » 7. September 2017, 22:33

Skadi hat geschrieben:Die etwa fünfzigjährige neue Partnerin meines Quasi-Schwiegervaters erzählte, ihr Name werde Silvia geschrieben, weil ihre Mutter meinte, die Schreibweise mit y stünde nur einer höheren Schicht zu.
Da hat sie aber Glück gehabt, immerhin ist Silvia die klassische lateinische Schreibweise und Sylvia eine frühe Form der Ypsilonitis...

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Kevinismus seit wann?

Beitrag von Maia » 9. September 2017, 12:55

Ich würde es auch so vermuten, dass es solche Vorurteile schon immer gab, der Begriff Kevinismus aber neu ist. Vermutlich ist durch die ganzen Medien die Wahrnehmung diesbezüglich heute viel stärker ausgeprägt, als noch vor 40, 50 Jahren oder noch früher. Heute ist ja relativ einfach solche Massenphänomene über das Internet zu verbreiten.

Dieses ganze Schichtendenken spielt da aber sicher mit rein. Ich meine, auch mal gelesen zu haben, dass Kevin früher vor allem in der Oberschicht vergeben wurde. Das passt auch zu dem, was Marisol geschrieben hat, dass ausländische Namen früher der Oberschicht zugeordnet wurden. Es gibt ja die(durchaus umstrittene) Theorie vom "gesunkenen Kulturgut". Grob gesagt geht es darum, dass die unteren Schichten Dinge aus der Oberschicht übernehmen. Die Oberschicht wiederum wendet sich dann neuen Dingen zu, weil das "alte" jetzt besetzt ist. Das würde schon irgendwie zu den Vornamen passen: Ausländische Namen werden von der Oberschicht vergeben --> die unteren Schichten sehen das, der Name wandert nach unten und kommt in der Unterschicht an --> die Oberschicht wendet sich als Abgrenzung neuen Namen zu --> die ausländischen Namen werden verpönt

Ich kann mir aber auch vorstellen, dass dieses Phänomen kevinistische Namen so abzulehnen, vor allem in der Mittelschicht verbreitet ist, um sich eben klar davon abzugrenzen und deutlich zu machen, dass man "nichts mit diesen Leuten zu tun hat".

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Kevinismus seit wann?

Beitrag von Marisol » 10. September 2017, 18:30

Ich warte schon auf den Gegentrend, dass in einer fernen Zukunft obere Schichten sich irgendwann typische Unterschichtsnamen aneignen und die Kinder von hippen Jungakademikern wieder Cheyenne und Jeremy heißen :D So wie puffa jackets oder Turnschuhe mit dicker Sohle hip wurden.

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